Wissenschaft geschieht nicht im Elfenbeinturm

11.07.2002 -

Im Otto-von-Guericke-Jubiläums-Jahr präsentierte sich die Universität eine Woche lang der Öffentlichkeit

Eine Woche lang Forschung pur an der Universität. Im Otto-von-Guericke-Jubiläumsjahr einmal aufbereitet für jedermann, hatte sich Initiator Prof. Dr. Gerald Wolf, Prorektor für Forschung, vorgenommen. Ganz im Sinne des Namenspatrons unserer Universität sollte Neues aus Wissenschaft und Technik der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt werden. Guericke selbst hatte einst höchst publikumswirksam im spektakulären Halbkugelversuch mit 16 Pferden oder durch das Wasserbarometer, das "Wettermännchen", am Giebel seines Wohnhauses, die Bürgerinnen und Bürger Magdeburgs mit seinen Entdeckungen bekanntgemacht und beeindruckt.

Genauso wollten es Ende Mai 2002 Guerickes Erben mit ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen anlässlich seines 400. Geburtstages tun. Pferde wurden nicht mehr angespannt und auch das Wettermännchen wurde nicht bemüht, aber das Angebot war mit über 70 Veranstaltungen reichlich und so hatten die Gäste die Qual der Wahl. Da wurden Labortüren geöffnet, Versuchsapparaturen aufgebaut, Vorträge gehalten, Präsentationen und Demonstrationen vorgeführt. Alles mit sehr viel Mühe und Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Instituten, Kliniken, Versuchshallen und des Technologie-Transfer-Zentrums.

 

auto

Diesmal wurden keine Pferde bemüht, sondern ganz zeitgemäß moderne Technik - ein Auto und ein Kran - genutzt, um Otto von Guerickes spektakulären Halbkugelversuch zu demonstrieren. Rund zwei Tonnen zogen an der Vakuum-Kugel, die am Hacken eines Kranes hing (Photo links). Sie schafften es nicht, die Halbkugeln auseinander zu brechen. Wie einst bei Guerickes Pferde-Versuch war es ein kleiner Junge, der die Halbkugeln öffnete (Photo rechts).

halbkugeln

"Wissenschaft geschieht nicht im Elfenbeinturm" so das Credo, das Professor Wolf mit der "Woche der Forschung" den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt vermitteln wollte. Doch leider haben nur sehr wenig Magdeburgerinnen und Magdeburger die Gelegenheit genutzt, in Hörsälen und Versuchshallen einmal den Wissenschaftlern der Universität ihrer Heimatstadt zu lauschen, ihnen über die Schulter zu schauen oder mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Und auch die Uniangehörigen selbst nahmen nur selten die Gelegenheit zum Gedankenaustausch mit dem Kollegen vom anderen Fach war.

 

bibliothek

Eine Ausstellung in der Stadtbibliothek auf dem Breiten Weg lud die Magdeburger zur Woche der Forschung an die Universität ihrer Heimatstadt ein.

 

Forschungsmarktag

Doch als am Tag der Forschung die Wissenschaft zu den Magdeburgern und Gästen der Stadt auf den Alten Markt kam, war die Neugier kaum zu bremsen. Unter den wachsamen Augen Otto von Guerickes präsentierten sich Studierende, Mitarbeiter, Dozenten und Professoren der Universität mit einer mehrstündigen Bühnenshow und an Marktständen. Unterstützt wurden sie dabei von Otto von Guericke - alias Wolfgang Emmerich - höchstpersönlich und der Otto-von-Guericke-Gesellschaft e.V., die gemeinsam eine kleine Auswahl seiner berühmten Versuche zum Vakuum vorführten.

Eigentlich gehöre Forschung ja nicht auf den Markt, meinte Rektor Prof. Dr. Klaus Erich Pollmann zur Begrüßung. Schließlich verlange sie Ruhe, Disziplin und Konzentration, aber heute solle sie lebendig sein. Ihre Ergebnisse gehörten in die Stadt, weil sie faszinierend seien und weil die Bürger einen Anspruch darauf hätten, sie zu sehen und zu bestaunen. Zudem gehörten Stadt und Universität untrennbar zusammen. Die Bürgerinnen und Bürger sollten sich stärker bewusst werden, dass in ihrer Heimatstadt eine Universität angesiedelt sei.

 

mathematik

Dicht umlagert war immer der Stand der Fakultät für Mathematik mit den vielen Herausforderungen für Knobelfreunde.

 

Und das taten sie dann auch, indem sie unermüdlich an den Ständen der Fakultäten Fragen stellten z.B. zur Infrarotthermographie, zur Magnetschwebebahn, zu neuesten Operationsmethoden, zur Internet-Datenbank für die Recherche über kriegsbedingt verbrachte Kulturgüter, zu neuen elektronischen Wörterbüchern, zu blauen Leuchtdioden. Oder sie probierten in der Wirbelschicht gerösteten Kaffee, wagten einen Blick durchs Mikroskop direkt ins Gehirn, ließen sich vorführen, wie die Abgase eines Autos auf dem Fahrzeugrollenprüfstand kontrolliert werden, zeigten wie gut sie sich in der Werbung auskennen, ließen Blutzucker und Cholesterin testen oder bewiesen im Gewinnspiel, wie viel sie inzwischen über "ihre" Universität erfahren hatten. Interessierte konnten sich über die Studienangebote der Uni beraten lassen. Die Guericke-Gesellschaft bot an ihrem Marktstand Souvenirs zum Jubiläums-Jahr.

 

OB

Ebenfalls beim Forschungsmarkttag vorbeigeschaut haben die heutigen Stadtväter Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper (re.) und Dr. Rüdiger Koch (Mi.) – hier im Gespräch mit Prorektor Prof. Dr. Ulrich Hauptmanns.

 

Auf der Bühne bewiesen die Beteiligten nicht nur ihr wissenschaftliches Können, sondern auch ihre Showtalente. Die "Black Angels" zeigten sportliche Tänze, aus mathematischer Sicht wurde optimal verheiratet, Eleven des Instituts für Musik entführten die Besucher mit Gesang und Harfenspiel in vergangene Jahrhunderte, Groß und Klein lernte physikalische Geheimnisse von Zaubertricks kennen und dem staunenden Publikum wurde Goethes Hexeneinmaleins aufgelöst. Wie das Lernen und Lehren nach PISA weitergeht und welche Inhalte im Studiengang "Cultural Engineering" vermittelt werden, erfuhren die Besucher des Markttages ebenso wie sie über die akrobatischen Vorführungen der Trampolinspringer aus dem Sportzentrum oder die Fähigkeiten von Schreitroboter Katharina staunen konnten.

 

physik

Laut Sprichwort ist ja Physik das, was nie gelingt – am Marktstand hingegen klappten alle Experimente und lösten Staunen bei den Besuchern über diese "physikalischen Phänomene" aus.

 

Ganz besonders viel Applaus erhielten die Kinder aus dem CI-Rehabilitationszentrum Halberstadt für ihren Auftritt. Alle diese Kinder zwischen drei und sechs Jahren waren gehörlos geboren oder ertaubt. Eine Innenohrprothese, ein so genanntes Cochlear Implant, die den Kindern eingesetzt wurde, ermöglicht es ihnen, wieder hören, sprechen und auch singen zu lernen. Und wie gut sie das bereits können, führten sie - auf der Gitarre begleitet von ihrer Therapeutin - während einer kleinen Show mit Liedern, einem Gedicht und Tanz vor.

 

saengerin

Musik von Bach, Händel und Telemann versetzte die Besucher des Forschungsmarktes ein klein wenig in längst vergangene Zeiten.

 

Bei der Verlosung der tollen, von Magdeburger Firmen gesponserten, Gewinne zeigte sich, dass nicht nur Magdeburger zum Tag der Forschung auf den Alten Markt gekommen waren, sondern auch Gäste aus Halle oder Wolfenbüttel.

Als es dann ans Abbauen der Stände und Wegräumen der mitgebrachten Infotafeln und Versuchsaufbauten ging, waren zwar alle Beteiligten ganz schön geschafft, aber doch zufrieden. Dieser Forschungsmarkttag hatte sich gelohnt. Die Präsentation von Wissenschaft rund um das Otto-von-Guericke-Denkmal hatte gezeigt, dass diese spannend, faszinierend und vor allem für jedermann ist. Die Forschung in die Stadt zu tragen, sollte an der Otto-von-Guericke-Universität eine Tradition werden. Auch wenn es einen langen Atem braucht, diese Tradition am Leben zu halten.

Lesen Sie dazu auch die Betrachtung zum Dies academicus.


Autor:in Ines Perl

Letzte Änderung: 11.07.2002 -
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