Entwicklung "intelligenter" Computersysteme
Im Jahr der Informatik hielt Prof. Lotfi Zadeh die 20. Otto-von-Guericke-Vorlesung
Im Jahr der Informatik sprach Professor Lotfi Zadeh von der University of California in Berkeley in der inzwischen 20. Otto-von-Guericke-Vorlesung Ende September 2006 über Intelligente Systeme. Lotfi Zadeh ist eine schillernde Persönlichkeit, über die Wissenschaftshistoriker bereits Bücher verfasst haben. Der Sohn einer ukrainischen Mutter und eines iranischen Vaters studierte an der Universität von Teheran, ging danach in die USA, studierte dort am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und promovierte an der Columbia University. Seit 1959 lehrt er an der University of California in Berkeley.
25 Ehrendoktorwürden
Lotfi Zadeh war bereits anerkannter Forscher auf dem Gebiet der Systemtheorie, als er 1965 in einer Arbeit erstmals das Konzept der Fuzzy Logik vorstellte. Seine Ideen erwiesen sich als sehr fruchtbar und erlebten in den zurückliegenden beiden Jahrzehnten einen regelrechten Boom; mittlerweile taucht der Begriff Fuzzy Logic im Titel von mehr als 40000 wissenschaftlichen Aufsätzen auf. Fuzzy Methoden werden in einer Vielzahl von technischen Anwendungen unterschiedlicher Art genutzt, so zum Beispiel bei der Steuerung von Zementwerken, Schnellbahnen, Haushaltsgeräten aller Art, Automotoren und Kläranlagen. Für seine Erfolge erhielt der Informatiker vielfältige Anerkennungen und Ehrungen von Universitäten aus aller Welt, hochangesehenen akademischen Gesellschaften und Stiftungen, darunter sind 25 (!) Ehrendoktorwürden.
Prof. Zadeh war der Einladung zur internationalen Tagung Fuzzy Systems in Computer Science nach Magdeburg gefolgt, die aus Anlass des zehnjährigen Bestehens des Lehrstuhls Neuro-Fuzzy Systeme von Prof. Dr. Rudolf Kruse an der hiesigen Informatikfakultät veranstaltet wurde. Der Rektor, Professor Klaus Erich Pollmann, kündigte die Vorlesung als ein wahrhaft komplexes Thema betrachtend an und stellte gespannt die Frage, ob mit Hilfe der von Prof. Zadeh entwickelten Methoden die Schattierungen teilweiser Wahrheit durch Computer differenzierter erfasst werden können. Die Erwartungen der Zuhörer an den hochdekorierten Gast waren entsprechend hoch und wurden nicht enttäuscht.
Anschaulich beschrieben
Das Thema des Vortrags von Prof. Zadeh lautete A New Frontier in Computation - Computation with Information Described in Natural Language. Das wissenschaftliche Ziel von Lotfi Zadeh ist die Bereitstellung von Methoden, die für die Entwicklung "intelligenter" Computersysteme genutzt werden können. Dazu gehört aus seiner Sicht insbesondere, dass Systeme mit Informationen umgehen können, die in natürlicher Sprache formuliert sind. Hierzu motivierte er in seinem Vortrag exemplarisch grundsätzliche Probleme der mathematischen Modellierung unscharfer Beschreibung: Jeder kann die Frage "Um wie viel Uhr sollte ich morgen früh im Institut mit meinem Auto losfahren, damit ich mit hoher Sicherheit rechtzeitig zum Vortrag um 13 Uhr im größten Hörsaal der dortigen TU bin?" beantworten. Heutige Computersysteme sind bei derartig komplexen natürlichsprachlichen Anfragen überfordert, insbesondere da bei der Formulierung der Anfragen eine Reihe unsicherer, vager und unvollkommener Informationen genutzt werden und zur Beantwortung Hintergrundwissen benötigt wird.
In seinem Vortrag skizzierte Prof. Zadeh einige Lösungsideen für diese Art von Problemstellung, ohne zu sehr auf die mathematischen Details einzugehen. Er beschrieb die Grundideen seiner in den letzten Jahren entwickelten Theorien (NL-Computation, Fuzzy Logic, Generalized Constraints, Protoformal Deduction) jedoch sehr anschaulich.
Dem Vortrag des kalifornischen Informatikers schloss sich im vollbesetzten Hörsaal 3 eine überaus lebhafte Diskussion an. Lotfi Zadeh, der mit mittlerweile 85 Jahren immer noch mehr als 30 Hauptvorträge pro Jahr hält, reagierte gelassen auf kritische Fragen ("don't hesitate to critizise me") und überzeugte durch Sachkenntnis. Seine Preise hat er ja schließlich dafür bekommen, dass viele der von ihm frühzeitig vorausgesagten Entwicklungen in der Wissenschaft in der Tat bereits eingetreten sind. Noch lange nach dem Vortrag fanden angeregte Gespräche mit Lotfi Zadeh statt. Die vielen jungen Zuhörer erlebten ihn trotz seiner internationalen Prominenz als zuvorkommenden, sympathischen, natürlich gebliebenen, aber trotzdem charismatischen Menschen.
Insgesamt reihte sich der Vortrag würdig in die Reihe der seit 1995 von der NORD/LB Mitteldeutsche Landesbank geförderten Otto-von-Guericke-Vorlesungen ein.