Mit "Öffentlicher Vorlesung" gegen Kürzungen protestiert
Eine gemeinsame Aktion von Universitäten und Hochschulen Sachsen-Anhalts vor dem Landtag
Das große Sammeln auf dem Alten Markt.
Mit Trommeln und Trillerpfeifen zogen am 25. Januar 1999 Professoren, wissenschaftliche und technische Mitarbeiter sowie Studierende vom Rathaus am Alten Markt auf den Domplatz vor den Landtag, um in einer "Öffentlichen Vorlesung" gegen die geplanten Kürzungen im Haushalt 99 zu protestieren. Im Landtag beriet derweil der Finanzausschuß über die Hochschuletats. Die etwa 6 000 Protestierenden von der Universität und Fachhochschule in Magdeburg und, im Sonderzug angereist, von der Hallenser Universität und Kunsthochschule sowie der Fachhochschule Anhalt in Köthen boten einen beeindruckenden Schulterschluß auf dem Domplatz.
Der Demonstrationszug auf dem Breiten Weg.
"Investitionen in die Hochschulen Sachsen-Anhalts sind Investitionen in die Zukunft Sachsen-Anhalts." So der Tenor der Redner während der "Öffentlichen Vorlesung". Die Landesregierung scheint da anderer Meinung zu sein, sollen die Mittel für die Hochschulen doch um 65,5 Millionen Mark gekürzt werden. Für unsere Universität wurden im Haushaltsentwurf 9,9 Millionen Mark gestrichen.
Als erster ans Mikrophon trat Rektor Prof. Dr. Klaus Erich Pollmann. Wenn der Eindruck entstehe, daß die Zukunft der Hochschulen im Land unsicher sei, werde das, was mit viel Engagement in den zurückliegenden Jahre aufgebaut wurde, in ein schiefes Licht geraten. Die Arbeits- und Kooperationsbedingungen seien so gut, daß viele sehr gute Wissenschaftler gern hier arbeiten möchten. Ihnen muß Verläßlichkeit auf hohem Niveau geboten werden.
Der Volkswirtschaftsprofessor Gerhard Schwödiauer zeigte aus ökonomischer Sicht zwei Wege auf, ein Land aus einer finanziellen Misere zu führen. Der eine, der offenbar in Sachsen-Anhalt eingeschlagen werde, seien Kürzungen, vor allem im investiven Bereich. Der andere sei auf lange Sicht zu gehen. Erwirtschaftet werden müsse ein Überschuß der Einnahmen über die Ausgaben. Die Notwendigkeit diesen Überschuß stark zu erhöhen verringere sich jedoch bei einer großen Wachstumsrate des Sozialprodukts. Das hieße, vor allem die wirtschaftliche Profilierung Sachsen-Anhalts voranzutreiben.
Eine Klagemauer.
Daß sie gleich in mehrfacher Hinsicht von den Haushaltskürzungen betroffen sei, darauf machte eine Studentin aufmerksam. Durch die Streichungen im Hochschulhaushalt verschlechterten sich die Studienbedingungen. Für die Unterbringung ihrer Tochter in einer Kindertagesstätte müsse sie demnächst wohl mehr bezahlen; deshalb also einen weiteren Job annehmen und davon ausgehen, daß weniger Zeit fürs Studium bleibe.
Christian Schmidt vom Studentenrat der Fachhochschule Magdeburg erinnerte sich noch gut an die Versprechungen der Landespolitiker während der Studentenproteste vor gut einem Jahr. Damals standen Wahlen vor der Tür. Inzwischen erinnere sich wohl keiner von ihnen mehr an diese Zusagen. "Wir aber werden uns bei der nächsten Wahl erinnern."
Tauziehen ums Geld.
Kultusminister Dr. Gerd Harms verwies auf das gute Betreuungsverhältnis der Studierenden in Sachsen-Anhalt. Auf eine wissenschaftliche Lehrkraft kämen rund fünf Studierende. "Ausreichende Finanzierung der Hochschulen ist Sache des Staates" las er auf einem Plakat. Was jedoch sei eine "ausreichende Finanzierung" fragte er und forderte die Hochschulen zu einer internen Diskussion auf, wie das Geld am effektivsten eingesetzt werden könne. Der Minister stimmte zu, daß dazu über Jahre verläßliche Haushalte nötig seien und sicherte Verhandlungen mit den Hochschulen zu.
Diese Planungssicherheit forderte auch der Rektor der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg, Prof. Dr. Reinhard Kreckel. Die Hochschulen seien bereit, die ausgestreckte Hand des Ministers anzunehmen. Doch die Verhandlungen dürften nicht im Minusbereich beginnen, deshalb sei der Haushalt 99 ein "Testfall" und bestimme das Niveau der Gespräche in den kommenden Jahren. Der Hallenser Rektor unterstrich, daß nur gemeinsame Aktivitäten den Universitäten und Hochschulen des Landes helfen. Unsinnige und chaotische Diskussionen sowie Futterneid zwischen ihnen müßten der Vergangenenheit angehören.
Plakatimpressionen
"Kürzungen im Bildungsetat sind ein falsches Mittel und tragen zur Entmutigung bei", unterstrich die Prorektorin der Fachhochschule Magdeburg, Christine Nord. Sie forderte für Sachsen-Anhalt einen Hochschulentwicklungsplan, der Planungssicherheit für mehrere Jahre biete.
Die Personalmittelkosten für den Mittelbau seien am stärksten von den Kürzungen betroffen, machte Dr. Martin Diestelhorst von der Martin-Luther-Universität aufmerksam. Leistungsstarke Studierende könnten eine akademische Laufbahn nicht einschlagen, da keine Stellen zur Verfügung stünden.
Im Vorfeld der "Öffentlichen Vorlesungen" wurden an den Finanzausschuß von der Landesrektorenkonferenz einige Anregungen zu den Beratungen über den Hochschulhaushalt 1999 übergeben. Den Protest gegen die Mittelkürzungen unterstützen auch die rund 3 000 Angehörigen unserer Universität, die sich an der Unterschriftensammlung der Personalräte beteiligten.
Zum Ende des Sitzungstages kam aus dem Finanzausschuß die Nachricht, daß sich die Kürzungen für die Hochschulen ungefähr halbieren würden und nur rund 35 Millionen Mark eingespart werden müssen.
6000 Professoren, wissenschaftliche und technische Mitarbeiter sowie <align=center>Studierende kamen zur Protestveranstaltung aus allen Teilen Sachsen-Anhalts.
Vor dem Konzil Ende Januar 99 und in einem Brief dankte Rektor Professor Klaus Erich Pollmann allen Universitätsangehörigen für ihr Engagement warnte aber gleichzeitig vor übertriebenen Erwartungshaltungen. Die vom Finanzausschuß zugesagten rund 30 Millionen Mark sind in gewisser Weise eine Mogelpackung, da es Mittel aus der Hochschulbauförderung und aus EU-Töpfen sind.
Eins jedoch wurde mit der "Öffentlichen Vorlesung" erreicht, die Bedeutung der Hochschulen ist stärker in das Bewußtsein der politischen Repräsentanten und der Öffentlichkeit gelangt.
Photos: AVMZ/Albrecht