Armut als politisches Problem erfassen

13.06.1999 -

24 Autoren geben Antwort zur Kinder- und Jugendarmut

Klocke, Andreas; Hurrelmann, Klaus (Hrsg.)
Kinder und Jugendliche in Armut
372 Seiten, 64 DM
Westdeutscher Verlag, Opladen/Wiesbaden 1998
ISBN 3-531-13062-5 

Waren früher vorwiegend ältere Menschen von Armut bedroht, betrifft das seit Ende der 70er Jahre verstärkt Familien mit Kindern. Obwohl viele in Armut Lebende sich trotz schwieriger familiärer Gegebenheiten positiv entwickeln und die Lebensanforderungen nach besten Kräften meistern, darf nicht übersehen werden, daß zahlreiche Kinder und Jugendliche ihre Anlagen und Begabungen nicht so entfalten können, wie es unter besseren sozio-ökonomischen Voraussetzungen möglich wäre.

Überblick vermitteln

Welche Bevölkerungsgruppen sind vor allem von Armut betroffen? Was ist unter relativer und absoluter Armut zu verstehen? Wodurch wird Armut hervorgerufen? Wie wirkt sich die Armut auf die Gestaltung von sozialen Beziehungen aus?

Zu diesen und anderen wichtigen Fragen nehmen die 24 Autoren aus verschiedenen europäischen Ländern (Soziologen, Psychologen, Pädagogen, Politikwissenschaftler) im rezensierten Sammelband Stellung.

Angesichts der Tatsache, daß im deutschsprachigen Raum zur Persönlichkeitsentwicklung der in Armut aufwachsenden Kinder und Jugendlichen bisher wenig empirische Untersuchungsergebisse und theoretische Abhandlungen existieren, trägt diese Publikation dazu bei, einen aktuellen Überblick über die Forschungslage zu vermitteln und die Armutspähnomene der jungen Generation als ein vielschichtiges Problem der europäischen Wohlfahrtsgesellschaften transparent zu machen. Die Herausgeber verfolgen mit dem Buch insbesondere die Absicht, die sozialwissenschaftliche und politische Diskussion über die Kinder- und Jugendarmut zu bereichern, Forschungsaktivitäten anzuregen und den Lesern ein Kompendium zur Kinder- und Jugendarmut in die Hand zu geben.

Die im Buch zusammengestellten Beiträge spiegeln den interdisziplinären Zugang wieder, der gegenwärtig für die Armutsforschung charakteristisch ist. Der erste Teil der Publikation stellt die Verbreitung und Struktur von Armut bei Kindern und Jugendlichen vor: u.a. die "Kosten" von Kindern, typische Armutshaushalte, Armutsspezifika in Ostdeutschland, "soziale Brennpunkte". Dabei wird deutlich: Die Kinder- und Jugendarmut ist ein internationales Problem. Ursachen, die in allen Ländern eine Rolle spielen sind: Massenarbeitslosigkeit, die Zunahme der Sozialhilfeempfänger, die wachsende Zahl Alleinerziehender und die Vergrößerung der Einkommensungleichheit.

Umgang mit Armut

Im zweiten Teil sind die Auswirkungen und Bewältigungsformen der Armut beschrieben. Die analysierten Befunde, beispielsweise über die Einflüsse der familiären Sozialisation auf die kognitive Entwicklung und den Bildungserfolg, die Beziehung zwischen Armut und Ausländerfeindlichkeit oder die Korrelation von Armut und Gesundheit, legen eine differenzierte Betrachtung der jeweiligen Bedingungskonstellationen nahe. Daran anschließend wird im dritten Teil die Armut von Kindern und Jugendlichen als sozialpolitische Herausforderung diskutiert. Thematisiert werden u.a. Armut und Kinder- und Jugendhilfepolitik, Arbeitsansätze der Sozialpädagogischen Familienhilfe, die Bedeutung des Allgemeinen sozialpädagogischen Dienstes im Jugendamt für arme Familien etc.

Alles in allem: Die Schrift informiert umfassend und fundiert über die Häufigkeit und Struktur, die Ursachen und die psycho-sozialen Auswirkungen der Armut im Kindes- und Jugendalter, insbesondere wird der Zusammenhang zwischen der Infantilisierung der Armut und der gesellschaftlichen Entwicklung herausgearbeitet. Daraus ergibt sich nicht zuletzt die Konsequenz, die Überwindung bzw. Einschränkung von Armut als ein erstrangiges politisches Anliegen zu begreifen.


Autor:in Dr. Wilhelm Topel

Letzte Änderung: 13.06.1999 -
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