Bildung im Dienst der Herrschaftssicherung

17.02.2005 -

Internationale Fachtagung zu „Germanistik und Deutschlehrerausbildung in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart"

Das Institut für Germanistik veranstaltete Ende November 2004 unter der Leitung von Dr. Gabriele Czech eine wissenschaftliche Tagung zum Thema "Germanistik und Deutschlehrerausbildung in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart". Unterstützt und gefördert von der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., der Landeszentrale für politische Bildung des Landes Sachsen-Anhalt, der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur und durch die Nord/LB Mitteldeutsche Landesbank wurde die komparatistisch angelegte Konferenz im Bildungszentrum Schloss Wendgräben bei Loburg durchgeführt.

Anknüpfend

Die Veranstaltung, die durch den Dekan der Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften, Prof. Dr. Arno Ros, eröffnet wurde, ordnet sich in das seit längerem am Institut bestehende Forschungsprojekt zur Fachgeschichte der Germanistik ein. Anknüpfend an die ‚2001er Tagung', auf der die Literaturdidaktik der DDR, insbesondere der Literaturunterricht und seine Entwicklungslinien in der DDR in vergleichender Sicht zur ehemaligen Bundesrepublik Deutschland im Mittelpunkt standen, wollte die nunmehrige Konferenz im Rahmen der weiteren Aufarbeitung der deutsch-deutschen Geschichte vor allem Fragen der Germanistik und Deutschlehrerausbildung in ihrem spannungsreichen Verhältnis zueinander und vor dem Hintergrund der Problematik Herrschaft – Individuum – Erziehung, Politik/Gesellschaft und Wissenschaft zur Diskussion stellen. Damit war für die Tagung zugleich eine Perspektive indiziert, die Probleme der Deutschlehrerbildung bis hin zur Frage, welchen theoretischen/individuellen Konzepten Lehrerinnen und Lehrer folgten, einschloss. Zur Zeit noch laufende archivalische Untersuchungen sowohl im Bundesarchiv Berlin als auch in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) wie auch die gemeinsame Arbeit im DFG-Projekt "Geschichte des Deutschunterrichts in beiden deutschen Staaten von 1945 bis 1990", das unter der Leitung von Prof. Dr. Harro Müller-Michaels (Universität Bochum) steht, ließen zudem tiefergehende Einblicke in das DDR-System zu, in dem, hier auf die Germanistik und die Deutschlehrerausbildung bezogen, Bildung und Erziehung in den Dienst permanenter Herrschaftssicherung genommen wurden, umgekehrt sich Staatsgewalt vonnöten erwies, um Bildungs- und Erziehungsverhältnisse, in denen sich auch Individuationsprozesse bewegten, zu beherrschen. Die Diskussion aktueller Fragen der Germanistik und Deutschlehrerausbildung, wie die gegenwärtig laufenden Modellprozesse in Berlin, Greifswald und Bochum die heftig umstrittene Reform der Lehrerausbildung (Bachelor-, Masterstudiengänge u.a.) nahm ebenfalls einen wesentlichen Raum ein.

Innen- und Außensichten

Dem Gegenstand der Tagung war eine Reihe interessanter Beiträge gewidmet, die der Germanistik, Fragen der Deutschlehrerausbildung und dem Literaturunterricht in der DDR im Spannungsgefüge von Anspruch auf Autonomie in der Wissenschaft und dem autoritären politischen System der DDR sehr differenziert und mit Akribie, aus unterschiedlichen Perspektiven und in der Verbindung von "Innen- und Außensichten", nachgingen. Das Magdeburger Institut für Germanistik war vertreten durch Gabriele Czech, deren Beitrag Auskunft zu internen Vorgängen und Quellen in der Germanistik- und Literaturlehrerausbildung gab und dabei zum Teil bisher unbekanntes Archivmaterial zur Diskussion stellte und durch Oliver Müller, der erste Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Mitarbeit im DFG-Projekt zur Geschichte des Deutschunterrichts in der SBZ/DDR vorstellte sowie durch Johannes Volmert, der mit einem Vortrag zu Perspektiven der Deutschlehrerausbildung im Kontext des Bologna-Prozesses zu aktuellen Reformbemühungen im Rahmen der Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen provozierte.

Einig war man sich, dass – sowohl in West als auch in Ost – der Deutschunterricht als Zentrumsfach wie kein anderes Unterrichtsfach im Fächerkanon der Schule Einfluss nahm und nimmt auf Textverstehen, Lesegewohnheiten und Literaturverständnis, daher auch unmittelbare Auswirkungen auf alle anderen Unterrichtsfächer hat und deshalb insbesondere auch vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Transformation und PISA gründlicher Erforschung bedarf.

Die Ergebnisse der Tagung werden in absehbarer Zeit in Form einer Publikation in der Reihe "Geschichte des Deutschunterrichts" im Peter Lang-Verlag erscheinen.

Abgerundet wurde das anspruchsvolle Programm mit einer auserlesenen Literarischen Abendveranstaltung von und mit Karl Otto Conrady sowie Ilse Strambowski (Schauspielerin aus Köln), die unter dem Titel "Konzertierende Verse. Eine Gedicht-Revue" zu einem unvergesslichen Streifzug durch die gesamte Literaturgeschichte einlud.


Autor:in Katrin Merres, Oliver Müller

Letzte Änderung: 17.02.2005 -
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