Mehr als ein Praktikum: Warum kleine Gesten große Wirkung entfalten
Bibliotheken gelten als Orte des Wissens. Digitale Informationssysteme, Forschungsliteratur und Lernräume prägen unser Bild. Doch vielleicht liegt die eigentliche Stärke an anderer Stelle: Bibliotheken sind vor allem Orte, an denen Menschen miteinander in Verbindung treten. Jeden Tag entstehen hier Begegnungen, werden Fragen beantwortet, Orientierung gegeben und Brücken gebaut, manchmal ganz leise und beinahe unbemerkt.
Eine solche Brücke entstand Ende Juni in der Universitätsbibliothek. Vom 29. Juni bis zum 3. Juli 2026 durften wir Larissa Vorobiova im Rahmen einer betrieblichen Arbeitserprobung begleiten. Vermittelt wurde der Kontakt durch einen Bildungsträger, der Menschen gemeinsam mit Institutionen auf ihrem Weg zurück in das Berufsleben unterstützt.
Larissa Vorobiova bringt mit, was viele Einrichtungen sich wünschen: langjährige Berufserfahrung, große Motivation und die Leidenschaft für Bibliotheken. In ihrer Heimat arbeitete sie bereits viele Jahre als Bibliothekarin. Dennoch beginnt mit der Ankunft in einem neuen Land vieles wieder bei null. Berufsabschlüsse müssen eingeordnet, Sprachkenntnisse nachgewiesen und Arbeitsweisen kennengelernt werden. Häufig fehlt nicht die Qualifikation, sondern die Gelegenheit, sie zeigen zu können. Genau hier setzt eine betriebliche Arbeitserprobung an.
Im Gespräch mit dem Bildungsträger erfuhren wir, wie schwer es häufig ist, Einrichtungen zu finden, die bereit sind, Menschen diese erste Chance zu geben. Umso selbstverständlicher war unsere Entscheidung. Denn wenn wir als Universität von Offenheit, Chancengleichheit und gesellschaftlicher Verantwortung sprechen, dann sollten diese Werte nicht an unseren Gebäudeeingängen enden.
Während ihres Praktikums erhielt Larissa Vorobiova Einblicke in die Arbeit der Abteilung „Informationsdienste und digitale Services“. Die Kolleg*innen nahmen sich Zeit, erklärten Arbeitsabläufe, begleiteten sie durch unterschiedliche Bereiche und vermittelten ihr die Besonderheiten einer modernen Universitätsbibliothek. Von der Bestandspflege über Informationssysteme und Lieferdienste bis hin zum Nutzendenservice lernte sie zahlreiche Facetten des Arbeitsalltags kennen.
Besonders beeindruckte die außergewöhnliche Neugier der Praktikantin. Obwohl sie bisher überwiegend mit klassischen Bibliothekssystemen gearbeitet hatte, begegnete sie den digitalen Prozessen unserer Bibliothek mit großer Begeisterung. Online-Kataloge, der Verbundkatalog K10plus, digitale Arbeitsabläufe oder unsere Ausstellungen wurden für sie zu neuen Lernfeldern. Gleichzeitig konnten wir erleben, wie schnell sie neue Inhalte aufgriff und in die Praxis übertrug. Ebenso wichtig war jedoch etwas, das sich nicht in Arbeitsplänen oder Praktikumsberichten festhalten lässt.
Zwischen dem Arbeitsalltag entstanden Gespräche über unterschiedliche Bibliothekskulturen, über Sprache, über den Neuanfang in einem fremden Land und darüber, wie ähnlich sich Menschen oft sind, wenn sie dieselbe Begeisterung für ihren Beruf teilen. Aus einem Praktikum wurde ein gegenseitiges Kennenlernen.
Natürlich kostet eine solche Begleitung Zeit. In einem Arbeitsalltag, der von Terminen, Projekten und stetig wachsenden Anforderungen geprägt ist, scheint Zeit häufig das knappste Gut zu sein. Gerade deshalb verdient sie besondere Aufmerksamkeit. Denn Zeit, die wir investieren, kann für andere Menschen zu einer Tür werden, die sich sonst vielleicht nie geöffnet hätte.
Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen
Universitäten verstehen sich längst nicht mehr ausschließlich als Orte von Forschung und Lehre. Mit der sogenannten Third Mission übernehmen sie Verantwortung für die Gesellschaft. Sie tragen Wissen nach außen, fördern den Dialog und gestalten gesellschaftliche Entwicklungen aktiv mit. Dieser Auftrag beginnt nicht erst bei großen Transferprojekten oder öffentlichen Veranstaltungen. Er zeigt sich ebenso in den kleinen Entscheidungen des Alltags, wo Menschen bereit sind, Verantwortung füreinander zu übernehmen.
Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten häufig von Abgrenzung geprägt sind und Migration, Integration oder kulturelle Vielfalt kontrovers diskutiert werden, gewinnen solche Begegnungen eine besondere Bedeutung. Kurz vor wichtigen politischen Weichenstellungen erinnern sie daran, dass Zusammenhalt nicht durch Schlagzeilen entsteht, sondern durch gemeinsames Handeln. Nicht durch das Reden über Menschen, sondern durch das Arbeiten mit ihnen.
Larissa Vorobiova hat während ihrer Woche an unserer Bibliothek viel gelernt. Davon sind wir überzeugt. Mindestens genauso viel haben jedoch auch wir gelernt. Wir haben erlebt, wie wertvoll unterschiedliche Erfahrungen sein können. Wir wurden daran erinnert, dass hinter jedem Lebenslauf eine persönliche Geschichte steht. Und wir haben erfahren, dass Offenheit keine abstrakte Haltung ist, sondern eine ganz konkrete Entscheidung.
Vielleicht besteht gesellschaftliche Verantwortung manchmal genau darin, einer einzigen Person die Möglichkeit zu geben, ihr Können zu zeigen. Denn jede geöffnete Tür verändert zwei Seiten. Sie eröffnet Chancen für diejenigen, die eintreten und erweitert den Horizont derjenigen, die sie geöffnet haben.
Als Universitätsbibliothek möchten wir auch künftig ein Ort sein, an dem Wissen wächst, Menschen zusammenfinden und Chancen entstehen. Nicht weil es einfach ist, sondern weil wir überzeugt sind, dass genau darin die Stärke einer Universität liegt.
TEXT: Carina Kröber, Universitätsbibliothek